Bonn kann nicht alles zugleich: Mein Gespräch mit Gunnar Sohn über Bühnen, Bäder und Milliardenprojekte

Nach der Veranstaltung zur Bonner Oper vom Bund deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) und Forum Stadt Bau Kultur Bonn e.V. hatte Gunnar Sohn die Idee, mal gemeinsam über die großen Projekte in Bonn zu sprechen. Dazu hat er mich in seinen Video-Podcast eingeladen.

Ich habe aus der Audio-Spur ein lesbares Transkript gemacht und die wesentlichen Aussagen zusammengefasst – für Alle, die lieber kurz lesen als lange zuhören und -schauen. Danke Gunnar für das anregende Gespräch!



Wesentliche Aussagen und Transkript

(mit Hilfe von aim2balance.ai – einer DSGVO-konformen Open-Weight-KI des Bergwaldprojekt e.V.)

HIer geht’s zum YouTube-Video unseres Gesprächs – mit all den Datenschutzkonsequenzen, die Sie sicher schon kennen: Alphabet Inc., die letztliche Konzernmutter, wird alle Ihre Daten absaugen, Profile erstellen, für Jahre speichern und mindestens für Werbezwecke nutzen, wenn nicht für Schlimmeres.

Die wesentlichen Aussagen und das Transkript gibt es hier als pdf zum Download.

Zur Ausgangslage und Herangehensweise

  • Die großen Einzelprojekte (Oper, Schauspiel, Bäder, Stadthaus) werden zu oft isoliert betrachtet – statt zu fragen, was sie für die Bonner Stadtgesellschaft insgesamt bedeuten.
  • Auf dem Tisch liegen zu viele gleich große Projekte gleichzeitig; die Stadt kann nicht alles auf einmal bewältigen.
  • Die Schuldfrage (Politik- oder Stadtgesellschaftsversagen) ist im Nachhinein leicht gestellt, aber jetzt zählt vor allem die Frage: Was tun wir damit?

Zum Prozess der Stadtregierung

  • Vom Prozedere her findet ich es nicht grundsätzlich falsch, dass die Stadtregierung versucht, Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen – sie hat Konzepte für Bäder und Oper/Schauspiel vorgelegt und das Stadthaus vorerst gestoppt.
  • Die Lage ist prekär: OB und Kämmerer warnen, dass ohne große Anstrengungen bald die Bezirksregierung die Haushaltshoheit übernimmt.
  • Ich wünsche mir eine parteiübergreifende Klärung der Prioritäten: Worauf kann Bonn nicht verzichten, und wie wird das finanziert? Ich weiß, das ist ein bisschen naiv, dennoch.

Zum Suffizienzgedanken

  • Der von der BDA-Vorsitzenden Ines Knye eingebrachte Suffizienzblick („Was brauchen wir wirklich?“) ist auf alle Feldern – Stadthaus, Bäder, Oper, Schulen – anwendbar.
  • Ich sehe den Charme, diesen Blick systematisch einzunehmen, bin aber unsicher, ob er bei der Oper die Kosten wirklich von 450 auf z.B. 200 Millionen Euro senkt – das müsste gründlich untersucht werden.
  • Suffizienz ist anspruchsvoller, weil sie am Anfang mehr Denkarbeit erfordert, sich aber langfristig auszahlt.

Zu Gutachten und Kommunikation

  • Gutachten sind notwendigerweise Schätzungen mit unvollständiger Information – das ist der Verwaltung nicht vorzuwerfen.
  • Die Verwaltung sollte aber mehr kommunizieren und ihre Arbeit redaktionell aufbereiten, um Vertrauen aufzubauen.
  • Das Ratsinformationssystem ist benutzerunfreundlich und erschwert Bürgern den Zugang zu Informationen.

Zu Einnahmen und strukturellen Maßnahmen

  • Neben der Ausgabenseite sollten auch Einnahmen und strukturelle Verbindungen im Haushalt geprüft werden.
  • Die Schaffung eines neuen Dezernats (~500.000 €/Jahr) und die Social-Media-Agentur des OB senden in der Krise das falsche Signal.
  • Der einheitliche Grundsteuerhebesatz von 680 Punkten (statt 730 aufkommensneutral) verschenkt Geld; die meisten Bonner könnten auch einen höheren Satz verkraften.
  • Städtischer Sozialwohnungsbau würde zum Beispiel Sozialausgaben im Haushalt entlasten – ein Baustein von vielen.

Zur Kommunikation und Stadtgesellschaft

  • Die Stadtgesellschaft muss sich aktiver und dialogischer einbringen, statt nur Forderungen zu stellen und sich bei Nichterfüllung schmollend zurückzuziehen.
  • Es gibt von Seiten der Bevölkerung gegenüber Politik und Verwaltung oft einen großen Misstrauensvorschuss; die Bereitschaft, vertrauensvoll in Gespräche zu gehen, fehlt oft.
  • Sowohl Verwaltung als auch Bürger müssen sich bewegen – das ist ein Wechselspiel.

Zu Kreislaufwirtschaft und Rahmenbedingungen

  • Für suffizientes, ökologisches Bauen fehlen noch viele rechtliche und normative Rahmenbedingungen (Zertifizierungen, Haftungsfragen, Versicherungsfähigkeit).
  • Bonn kann das nicht allein lösen – es braucht Allianzen.
  • Diese kleinteilige Arbeit ist unsichtbar und bringt vermutlich keine Gewinne bei Wahlen, ist aber unerlässlich.

Zu Mäzenatentum und Finanzierung

  • „Crowdfunding“ ist der falsche Begriff um für die Stadtentwicklung große Summen zu sammeln – es geht eher um Mäzenatentum mit erheblichen Mitteln.
  • Mäzene bringen aber oft eigene Vorstellungen mit, die mit Vorstellungen der Stadtgesellschaft kollidieren können.

Fazit

  • Die Schuldfrage sollte zurückgestellt, stattdessen die Frage „Wie befreien wir uns gemeinsam aus dieser Misere?“ in den Mittelpunkt gerückt werden – ggf. auch mit Forderungen an Berlin/Düsseldorf.
  • Die wichtigste Aufgabe: Eine informierte, gut geführte Diskussion in der Stadtgesellschaft über Prioritäten führen – bei der Oper, bei den Bädern, beim Gesamthaushalt.
  • Diese Diskussion muss von beiden Seiten kommen: von Politik/Verwaltung und von der Stadtgesellschaft selbst.
  • Auch unangenehme Fragen müssen gestellt werden (z.B. wie wichtig ist eine eigene Oper, wenn Köln erreichbar ist?).

Die wesentlichen Aussagen und das Transkript gibt es hier als pdf zum Download.

Überarbeitetes Transkript *

Gunnar [0:22]: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von „Sohn an Sohn ad hoc“. Wir haben heute ein hochaktuelles Thema: die Bonner Kulturpolitik bzw. die Zukunft der Bonner Bühnen. Mit dabei ist Michael Lobeck, Vorsitzender des Forums Stadt Bau Kultur Bonn e.V.. Michael, wir haben uns vor kurzer Zeit bei einer Veranstaltung des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) Bonn-Rhein-Sieg in der Bonner Oper getroffen. Damals ging es um die Zukunft der Bonner Bühnen. In den vergangenen ein bis zwei Wochen ist nun einiges passiert. Wir haben aus der Klausurtagung von Oberbürgermeister und Dezernenten gehört, dass keine finanziellen Mittel mehr vorhanden sind – was keine neue Erkenntnis ist. Im nächsten Jahr muss deutlich mehr eingespart werden. Mehr oder weniger alle Großplanungen werden nun infrage gestellt, vom Stadthaus bis hin zu den Bonner Bühnen. Zudem ist der Vertrag des Generalintendanten im letzten Kulturausschuss überraschenderweise nicht verlängert, sondern auf den Herbst vertagt worden. Wie siehst du die aktuelle Entwicklung in Bonn?

Michael [1:47]: Das ist eine große Frage. Ich fange noch einmal kurz bei der Oper an, denn das war unser Einstiegspunkt, von dem aus wir das Thema gut zusammendenken können. Die Veranstaltung, die der BDA gemeinsam mit dem Forum Stadt Bau Kultur durchgeführt hat, hat für mich noch einmal gezeigt – und das war auch unser Interesse, weshalb ich danach sehr zufrieden war –, dass man die Frage nicht verkürzen darf auf: Welche Variante kostet wie viel und bietet eine gute Organisation für die Oper? Das sind wichtige Themen, keine Frage. Aber wie du auch in einem Artikel auf deiner Webseite geschrieben hast, ist es ein Zeichen dafür, dass diese Einzelprojekte, die an sich schon sehr groß sind und eine Herausforderung darstellen, oft isoliert betrachtet werden. Man fragt: Was bedeutet die Oper und das Schauspiel in Godesberg für die Bonner Kultur? – und nicht: Was bedeuten sie für die Bonner Stadt? Letzteres wäre meiner Ansicht nach die richtigere Frage. Von dort aus kommt man auch zu den anderen Themen, die diese Dimension haben. Man kann die Bäder aus Sicht des Sports betrachten, man kann aber auch fragen: Was heißt das für die Stadtgesellschaft, darüber hinaus?

Michael [3:11]: Das finde ich eigentlich die spannende Frage. Ich habe darauf jetzt auch keine klare Antwort. Aber du hast das so schön beschrieben: Man hat den Zeichentisch freigeräumt. Darauf lagen eine Handvoll Projekte, die alle für sich schon ziemlich groß sind und eine Herausforderung darstellen. Vielleicht sind es einfach ein paar zu viele, als dass man sie jetzt mal eben gleichzeitig bewältigen könnte. Und dann ist genau die Frage an die Politik: Wie kann sie dieses Problem managen? Das gibt es sicher keine einfache Antwort. Was die Oper als Einstieg angeht, so war unser Wunsch zunächst zu sagen: Man sollte das Projekt jetzt nicht künstlich zuspitzen. Ich kann gut nachvollziehen, dass man versucht, zu sagen: Entscheidet euch mal für eine Variante. Ich halte es aber für falsch, das zu tun, bevor man nicht erst die Komplexität erweitert und gesagt hat: Was bedeutet das alles im Zusammenhang? Das macht es nicht leichter. Man muss es dann irgendwann zuspitzen, um handlungsfähig zu werden. Aber ich glaube, man braucht erst diese Breite – und die brauchen wir, glaube ich, auch bei all den Themen, die wir auf dem Tisch haben.

Gunnar [4:23]: Dazu gehört natürlich auch die haushaltspolitische Dimension, deshalb muss alles als Stadtgesellschaft und in der Stadtpolitik zusammen gedacht werden. Du hast es ja angesprochen: Bei den Bädern gibt es Diskussionsbedarf, bei der Sanierung von Schulen gibt es Diskussionsbedarf, bei der Infrastruktur ganz zu schweigen – Stichwort Nordbrücke. Wir haben einige Themen auf der Agenda. Man hat aber ein bisschen das Gefühl, dass die Politik es ein bisschen eskalieren lässt, laufen lässt – dass es keine klare Richtungsentscheidung gibt oder ein klares Statement. Das ist ja auch in der Diskussion um die Bonner Oper deutlich geworden: Entweder ein klares politisches Statement in die eine oder andere Richtung, oder dass man sich ein bisschen hinter den Szenarien oder Notwendigkeiten versteckt. Vielleicht steht mittlerweile auch so ein bisschen eine Alternativlosigkeit im Raum.

Gunnar [5:11]: Wenn man sich jetzt die Variante E ansieht, für die sich die Verwaltung wohl entschieden hat – also den Campus, der in Bonn-Beuel errichtet werden soll –, für die Nicht-Bonner müsstest du das vielleicht ein bisschen erklären: Welche Optionen gibt es da? Aber es ist nur ein Punkt von vielen, wo wir in Bonn großen Klärungsbedarf haben. Ein Leser schickte mir dann auch eine Bemerkung – ein Bonner, der eine ziemlich relevante politische Stellung hat. Ich sage jetzt nicht wer, aber der sagte: Irgendwie erleben wir jetzt so eine Art Clusterfuck. Es wird alles an Problemen aufgehäuft, und wir sehen irgendwie keine Lösung, keine klare politische Artikulation und kein politisches Konzept. Wie siehst du das?

Michael [6:18]: Ich würde schon sagen: Wir schauen jetzt auf diesen von dir sogenannten Zeichentisch und stellen fest, da liegt so viel drauf – da ist zu viel drauf. Man kann ganz klar sagen: Das kann diese Stadt jetzt nicht alles gleichzeitig bewältigen. Natürlich kann man sagen: Das ist Politikversagen, weil das hätte man früher sehen können. Das ist im Nachhinein immer leicht. Es ist auch Stadtgesellschaftsversagen, weil die Stadtgesellschaft das vorher auch nicht moniert hat, sondern sich in den jeweils eigenen Diskussionszirkeln jeweils für die eigenen Projekte stark gemacht hat. Ich neige eh nicht so sehr dazu, immer die Schuldfrage klären zu wollen. Mir geht es eher darum: Was machen wir jetzt damit? Was kann man jetzt damit tun?

Michael [7:09]: Im Moment habe ich einen relativ unaufgeräumten Schreibtisch. Ich bin kurz vorm Urlaub und würde den jetzt gerne aufräumen. Wenn ich dann den Eindruck habe, das ist aber echt viel, dann ist die Lösung nicht zu sagen: Dann mache ich es nicht. Sondern dann muss ich irgendwo anfangen. Dann nehme ich das erste Stückchen und mache da was, oder ich mache mir vorher eine Strategie: Ich mache erst Häufchen, und so weiter. Aber ich muss irgendwo loslegen. Und ich glaube, das ist im übertragenen Sinne auch die Logik, die wir brauchen. Wir brauchen eigentlich jetzt eine Entscheidung. Und ich finde – jenseits der Frage, ob ich inhaltlich mit den Entscheidungen jeweils übereinstimme –, dass vom Prozess her nicht ganz falsch ist, was die Stadtregierung gerade versucht, in diesem Tohuwabohu zu machen. Sie hat ein Konzept vorgelegt, wie wir mit den Bädern umgehen. Das ist nicht populär; es gibt, glaube ich, schon ein Bürgerbegehren, das sich dagegen richtet. Sie hat ein Konzept für die Oper und das Schauspiel vorgelegt. Das ist nicht populär: Große Teile des Bildungsbürgertums denken sich, Beuel, wo ist das denn? Das ist die andere Rheinseite, um Gottes Willen. Dann ist es auch noch ein Gewerbegebiet. Natürlich kann man das aufwerten. Die Stelle am Fluss in Bilbao war vor Guggenheim auch nicht besonders schön – wobei ich diesen Effekt jetzt nicht mit der Oper in Beuel vermuten würde.

Michael [8:38]: Auch beim Stadthaus gibt es jetzt die Entscheidung, dass die weitere Planung gestoppt wird, bis man sich einen Überblick verschafft hat. Und sie sind gerade im Haushaltsaufstellungsprozedere, das im Frühjahr abgeschlossen sein soll, so der aktuelle Tenor. Ich finde es nicht ganz falsch zu sagen: So versuchen wir jetzt mal, an der einen oder anderen Stelle ein bisschen Handlungsfähigkeit zu bekommen. Was ich bei der Diskussion über die Oper ganz interessant fand: Der externe Berater des Theaters mit dem Titel Transformationsbeauftragter – Peter Zimmermann vom Beratungsbüro – hat aus externer Sicht stark gemacht, dass die Bonner noch nicht verstanden haben, wie prekär die Situation ist. Das Bild ist nah an der Handlungsunfähigkeit. Das ist ja auch das, was sowohl der OB als auch der Kämmerer sagen.

Michael [9:38]: Wir müssen ganz große Anstrengungen unternehmen, damit nicht für den nächsten Haushalt nicht mehr wir, sondern die Bezirksregierung verantwortlich sind. Insofern finde ich vom Prozedere her, was passiert, erst einmal nicht ganz falsch. Bei jedem Einzelnen kann man inhaltlich natürlich lange darüber diskutieren. Grundsätzlich finde ich es in Ordnung, diese Fragen alle zu stellen. Das Wichtigste wäre mir in der politischen Diskussion aber, dass man durchaus auch parteiübergreifend sich tief in die Augen guckt und sagt: Was sind jetzt die Prioritäten? Worauf können wir nicht verzichten und wollen wir nicht verzichten? Und was davon können wir dann wie finanzieren?

Gunnar [10:23]: In der Diskussion in der Bonner Oper sind ja verschiedene Punkte angeführt worden, auch von der Architektenseite, auch vom BDA selbst, in Richtung Suffizienz-Szenarien. Das kommt mir so ein bisschen kurz in vielen politischen Diskussionen vor, gerade wenn es um Bauprojekte, um Bäder, um Großprojekte geht. Auch bei der Beethoven-Halle haben wir das vielleicht nicht so richtig gemacht, weil wir es dort auch eskalieren lassen. Ich weiß noch sehr gut die Diskussion, die ich mit einigen politischen Protagonisten hatte. Die sagten: Naja, das Ding ist jetzt quasi runtergewirtschaftet – abreißen.

Gunnar [11:07]: O-Ton Stefan Eisel, den nenne ich jetzt mal, der hat sich ja bei mir auf dem Blog auch ausgetobt. Und ich habe gesagt: Du kommst mir vor wie ein kleines Kind, das das alte Spielzeug in die Ecke haut und dann zu Weihnachten ein neues haben will. Machst es dir natürlich ein bisschen einfach. Die Geschichte ist dann anders gelaufen, weil er von den Entscheidungen der Sponsoren – sage ich mal Telekom und Post – überrollt wurde, mit all den Streitigkeiten. Wir müssen die Beethoven-Hallen-Diskussion nicht wiederholen. Aber ein bisschen Déjà-vu habe ich schon: dass man immer Maximalforderungen hat, es eskalieren lässt, auch in puncto Sanierung. Und dann ist irgendwann die Generalsanierung fällig, und dann kostet es gleich mehrere hundert Millionen Euro. Sollten wir uns vielleicht angewöhnen, generell in der Kommunalpolitik stärker auf die Karte Suffizienz zu setzen?

Michael [12:07]: Ich finde den Gedanken wirklich gut. Den hat ja Ines Knie, die BDA-Vorsitzende, im Wesentlichen eingebracht, und zwar aus einem Nachhaltigkeitsblick heraus. Der zweite Aspekt daran ist der Umgang mit dem Bestand, der damit eng verbunden ist. Das Problem damit ist immer: Es ist aufwendiger im ersten Schritt. Man muss ein bisschen mehr denken, würde ich sagen. Aber mit dem Begriff der Suffizienz – also zu überlegen: Was brauchen wir wirklich? – kann ich sehr viel anfangen. Und ich finde, dass er auf all diesen Bereichen anwendbar ist, die wir gerade am Rande angesprochen haben.

Michael [12:42]: Sowohl beim Stadthausareal als auch bei den Bädern, bei der Oper, bei den Schulen – und wo immer man will – kann man sich diese Frage überall stellen. Das Dilemma ist, dass wir offensichtlich – wie auch bei anderen großen Herausforderungen, zum Beispiel dem Klimawandel – nicht gut in der Lage sind zu sagen: Das ist die Richtung, und jetzt können wir über Standards sprechen, aber wir müssen auf jeden Fall am Ball bleiben. Das Problem bei Schulen: Da geht es ja nicht darum – die wollen ja jetzt alle nicht; da ist das Suffizienzproblem vielleicht gar nicht so das Problem, weil ich den Eindruck habe, alle Direktoren wären glücklich, wenn die Toiletten nur funktionieren würden. Die wollen keine Nobelausstattung, die wollen etwas Funktionales, das gut funktioniert. Aber bei den anderen würde ich schon sagen, dass man den Eindruck gewinnen kann, dass hier Maximalforderungen gestellt werden.

Michael [14:05]: Jetzt bin ich bei vielen dieser Themen nicht heftig betroffen, außer vielleicht über den Haushalt irgendwann. Aber ich sage mal: Ob es das Meldorfer Bad braucht oder nicht, als Beispiel – ich war da glaube ich zweimal in meinem Leben. Man kann auch darüber diskutieren, ob nicht das letzte Bürgerbegehren, das sich gegen die Bebauung gewandt hat, dazu geführt hat, dass man heute darüber noch einmal diskutieren muss. Denn wenn man das nicht gehabt hätte, hätte man wahrscheinlich heute ein saniertes Meldorfer Bad. Aber das ist ein Randthema, das sind so kleine Verstrickungen.

Michael [14:24]: Was ich nicht einschätzen kann – und das ist die Schwierigkeit –, ist inwieweit der Blick, also ein Nicht-Suffizienz-Blick auf Probleme wie die Oper, das Ergebnis bereits beeinflusst. Wenn man jetzt das Operngebäude betrachtet: Hat man in einer Untersuchung oder Kostenschätzung wirklich tief reingeguckt? An tiefgehenden Bauteiluntersuchungen ist man ja noch gar nicht so weit – man hat zwar schon mal hinter die Fassade geguckt, aber viele Bauteiluntersuchungen liegen, glaube ich, noch nicht vor. Ob der Blick das Ergebnis schon beeinflusst, finde ich schwer einzuschätzen, weil ich nicht genau weiß, wie genau man schon hingeschaut hat und mit welchem Blick. Ob man jetzt, wenn man sagt „Wir denken mal suffizient“, das wirklich etwas bringt – das hat auch der ehemalige Stadtbaurat Tom in einem Leserbrief im GA noch einmal stark gemacht: vom Gebäude her denken – was kann das? – und nicht sagen: Was brauchen wir alles?

Michael [15:25]: Ich finde, das hat auf jeden Fall den Charme, mal systematisch diesen Blick einzunehmen auf all diesen Feldern, und dann zu gucken: Hilft uns das was? Das Dilemma ist ja ein bisschen bei der jetzigen Haushaltssituation – zumindest das, was ich aus der Zeitung kenne –, dass OB und Kämmerer sagen: Wir müssen eh einen dreistelligen Millionenbetrag einsparen, und da ist die Oper nicht dabei, da sind die Bäder nicht dabei, da ist das Stadthaus nicht dabei. Das heißt, bei diesen drei Projekten sprechen wir grob überschlagen mindestens noch einmal anderthalb Milliarden Euro, die da noch nicht dabei sind. Führt das nicht ohnehin dazu, dass die Bezirksregierung sagt: Habt ihr noch alle beisammen?

Michael [16:08]: Oder heißt es: Gut, wir schieben das alles mal zwei Jahre und gucken, wie sich das im Haushalt entwickelt. Aber dann haben wir zwei Jahre lang ein leeres Stadthaus stehen. Sind zwei Jahre weiter bei der Sorge, dass die Oper einen Nordbrückeneffekt erleidet – nämlich dass man sie von heute auf morgen zumachen muss, weil sie dann doch nicht mehr funktioniert. Und bei den Schwimmbädern wissen wir auch noch nicht so genau, welche Schließung uns als Nächstes erreicht, weil irgendein technisches Teil wieder ausgefallen ist. Ich habe Sympathie für den Gedanken. Ich bin nur noch nicht ganz sicher, ob er uns – sagen wir mal – bei 450 Millionen im günstigsten Fall bei der Oper nur auf 400 bringt oder auf 200. Das müsste man sehr systematisch untersuchen.

Gunnar [17:03]: Diese systematische Untersuchung liegt aber nicht vor, sondern das ist nur eine Abschätzung, oder? Deswegen – in der Diskussion in der Bonner Oper, das war vielleicht ein Missverständnis von meiner Seite –, aber was da als Fakten präsentiert wurde: Da sage ich immer, Gutachten sind für mich keine Fakten, sondern Schätzungen. Das sind Szenarien, das sind Annahmen, das sind Preise, die man in die Zukunft rechnet. Da sind, als Volkswirt würde ich sagen, viele Variablen drin. Dann hat man auch Ceteris-paribus-Bedingungen. Man trifft letzten Endes irgendeine Annahme, und das hat natürlich eine Menge Auswirkungen auf das Endergebnis. So viel bin ich statistisch genug orientiert, dass das für mich keine klaren Fakten sind. Aber wie ist die Lage generell bei diesen Gutachten?

Michael [18:05]: Du hast mit deiner grundsätzlichen Formulierung zu den Gutachten natürlich recht. Das kann man aber der Verwaltung jetzt nicht vorwerfen – das ist notwendigerweise immer so. Wenn ich irgendwo etwas mache, bin ich immer im Stand der unvollständigen Information. Ich kann versuchen, sie zu verbessern, aber ich komme nicht auf 100 Prozent. Sonst habe ich auch nichts mehr gewonnen, weil dann bin ich ja schon fertig. Das kann man der Verwaltung nicht vorwerfen, dass sie damit argumentiert. Ich finde auch sehr nachvollziehbar, dass die Verwaltung auf dem Podium in Person von Frau Falke sagt, dass sie sich wünscht, dass man das erst einmal ernst nimmt, was sie erarbeitet haben, und nicht gleich an allen Stellen sagt: Das wird ja vielleicht nicht stimmen und das auch nicht. Sondern dass man das erst einmal nimmt und dann sagt: Und diesen Punkt gucke ich mir jetzt genauer an. Und dann geht man mit der Stabsstelle – Fehlbrunner Bühnen – einmal durch die Oper und guckt sich an der Stelle und an der Stelle und an der Stelle an: Ist das plausibel oder ist das nicht plausibel? Ich habe letztens mit einem Ratsmitglied gesprochen, das diesen Spaziergang mitgemacht hat, und der hatte schon den Eindruck: Okay, ich kann jetzt besser nachvollziehen, warum die sagen, das kann man nicht mal eben im laufenden Betrieb machen.

Michael [19:26]: Das ist ja gleichzeitig natürlich ein Kommunikationsmuss, weil – das hat Frau Falke angekündigt und auch Frau Schneider-Bönninger vorher schon gesagt – sie müssen mehr kommunizieren, um genau diese Fragen auszuräumen, um zu sagen: Ist das alles belastbar? Nur auf Vertrauensvorschuss zu hoffen ist natürlich auch ein bisschen naiv. Sie kriegen ja mit, dass der offensichtlich nicht in Unmengen vorhanden ist. Das ist aber auch ein generelles Problem von Stadtpolitik grundsätzlich, und ich mache ja ziemlich viel in der Stadtentwicklung: Dass Dinge nicht gut kommuniziert werden. Ich habe immer das Gefühl, eigentlich bräuchte es mehr – vielleicht muss auch die Zivilgesellschaft, so wie wir beide das hier gerade machen, mehr übernehmen. Aber es muss eigentlich auch immer so einen stärker redaktionellen Blick der Verwaltung selbst auf die eigene Arbeit geben. Was muss ich wem wie erzählen? Ich erinnere mich an das kurze Hin-und-Her auf dem Podium, wo ich sagte: Ich gucke jetzt schon öfter ins Ratsinformationssystem, was – by the way – eine Oberfläche hat, die aus den frühen Achtzigern kommt, zumindest von der Anmutung. Und ich finde da nicht alles.

Gunnar [20:47]: Manchmal muss man einfach raten, wo es sein könnte.

Michael [20:50]: Genau. Ich habe heute noch einmal – weil du viel schneller warst und schon einen Artikel über die Veranstaltung geschrieben hast – nachgeguckt. Ich habe meinen Bericht heute erst geschrieben und wollte die Vorlage noch einmal finden, weil ich den Link einfügen wollte. Und ich habe sie nicht gefunden. Ich habe sie zwar als PDF auf meinem Rechner, und dann habe ich die Vorgangsnummer genommen und ins Ratsinformationssystem eingegeben. Aber ich bin nur auf allerhand Änderungsanträge und Stellungnahmen gekommen. Ich musste dann über den Suchbegriff „Zukunft Bonner Bühnen“ gehen, dann kam ich darauf. Das sind so Dinge, wo ich denke: Und ich halte mich da jetzt schon nicht für besonders ungeschickt, weil ich das oft nutze und mache. Das ist nicht selbsterklärend, und da denke ich, muss mehr passieren. Ich glaube aber, dass sie das bei dem Thema „Zukunft Bonner Bühnen“ verstanden haben – zumindest bei den Protagonistinnen ist das mein Eindruck. Die sagen ganz klar: Wir wollen mehr in den Diskurs gehen, wir wollen die Sichtweise der Stadtgesellschaft einholen und gucken, dass das auch besser aufbereitet wird. Eigentlich würde ich sagen, im Sinne dessen, was unser Ziel mit der Veranstaltung war: Dem Rat eine bessere Entscheidungsgrundlage zu geben, weil man diese Komplexität erst größer machen muss, um sie dann wieder kleiner zu machen.

Michael [22:13]: Insofern bin ich im Moment an der einen oder anderen Stelle in dem ganzen Chaos halbwegs guten Mutes. Ich habe das Gefühl, die sind nicht alle blöd, sondern die versuchen auch irgendwie, das zu organisieren. Dennoch ist es natürlich an der anderen Stelle dann wieder schwierig.

Michael [22:35]: Wenn man ein Haushaltsproblem hat, dann kann man auf die Ausgabenseite gucken – das ist total legitim. Man kann aber auch auf die Einnahmenseite gucken, das ist der zweite Punkt. Und man kann auf strukturelle Verbindungen gucken, die im Haushalt vorhanden sind. Das sehe ich im Moment noch nicht so. Ich sehe den OB, der parallel zu den ganzen Sparaussagen sagt: Jetzt komme ich mit dem einen Dezernenten nicht so klar, dann backe ich mir mal einen neuen und mache ein neues Dezernat. Ich kenne die genaue Kostensache nicht. Ich nehme den Generalanzeiger: Leute, die es damit auskennen, sagen, das kostet uns 500.000 Euro im Jahr.

Gunnar [23:16]: Mindestens.

Michael [23:17]: Die 500.000 Euro im Jahr sind natürlich eine andere Dimension als 500 Millionen. Das ist völlig klar. Aber ich finde es trotzdem ein komisches Signal. Vor allem, weil Herr Wiesner eh nur noch – wenn ich das richtig im Kopf habe – zwei Jahre im Amt ist. Da denke ich: Weiß ich nicht. Jetzt kann man auch über den Dienstwagen lange reden. Mir geht es nicht um OB-Bashing, das ist gar nicht mein Punkt. Aber ich finde, dann muss man schon auch systematisch an all diesen Punkten gucken und sagen: Jetzt müssen wir sparen, und dann ist es eben nicht nur an der einen Stelle, sondern dann ist es jetzt mal so ein Suffizienzblick. Brauchen wir einen neuen Dezernenten? Ich würde sagen: Nein, das muss der OB jetzt zwei Jahre aushalten. Braucht der OB eine Social-Media-Agentur? Er muss viel kommunizieren, das kann er machen – aber in der jetzigen Situation würde ich sagen: solche Elemente eher nicht. Und dann noch das, was ich mit der Einnahmesituation meinte:

Michael [24:19]: Die Kooperation – sie heißt ja nicht Koalition, weil sie keine Mehrheit hat – im Rat hat gerade mit einzelnen Stimmen die Änderung der Hebesätze bei der Grundsteuer durchgesetzt. Weil die alte Regelung rechtlich unklar war, ob sie halten würde – die Aufteilung zwischen Gewerbe zahlt mehr und private Wohnnutzer zahlen weniger –, haben sie jetzt wieder einen einheitlichen Satz eingeführt mit 680.

Michael [24:49]: Ich erinnere mich an die Kritik – ich glaube, die kam von den Grünen, da war ich ganz sicher –, dass sie gesagt haben, sie hätten lieber 730 gehabt, weil damit es aufkommensneutral gewesen wäre. Das heißt, auch da haben wir wieder Geld verschenkt. Ich habe den Bescheid gerade bekommen und zahle natürlich lieber 680 als 730 als Privatperson. Aber wenn ich ehrlich bin: Ein Großteil der Bevölkerung hier, die könnte auch tausend zahlen. Das würde Aufschrei geben und so weiter, aber ich glaube, es wäre nichts Existenzielles für die allermeisten. Und dann gibt es noch den Punkt, dass ein Großteil des Haushalts Sozialausgaben sind – sinnvollerweise. Und die kann man kaum beeinflussen. Was man beeinflussen kann, ist, ob die Leute in teureren oder in günstigeren Wohnungen wohnen. Da würde ich sagen: Ich habe in den letzten 20 Jahren viele Reden gehört dazu, dass die Stadt etwas tun muss. Es gibt auch ein Baulandmodell, bei dem vorgeschrieben ist, dass bei großen Investitionen auch sozialer Wohnungsbau gebaut wird. Aber dass jetzt die stadteigene Wohnungsbaugesellschaft – also weitgehend stadteigene, die Bonova – oder auch eine Stadtentwicklungsgesellschaft Gas gibt und sagt: Wir bauen hier günstigen Wohnraum, um damit auch unseren Haushalt zu entlasten, weil die Hilfe zum Lebensunterhalt auch an der Räte gezahlt wird, die wir im Zweifel dann auch an die eigene Gesellschaft bezahlen. Das ist natürlich auch nicht die Rettung – das will ich gar nicht suggerieren. Weder der Verzicht auf den neuen Dezernenten ist die Rettung noch der soziale Wohnungsbau ist die Rettung. Aber es sind alles Bausteine, und das ist das Einzige, was mir im Moment noch fehlt, wo ich sage: Da müssen wir ran.

Gunnar [26:48]: Und dann, was wir auch besprochen haben, die Kommunikation – beispielsweise auch die Rückkopplung mit der Kulturszene. Wenn man sich die unterschiedlichen Baustellen anschaut: Ich habe mit Schauspielern gesprochen, mit Musikern, mit Buchhandlungen. Ich habe ein großes Interview mit dem Inhaber von Mr. Music gemacht. Man hat irgendwie nicht den Eindruck, dass von der Kulturpolitik der Stadt sehr gute Rückkopplungen da sind, dass man mit bestimmten Akteuren rechtzeitig spricht. Jüngstes Beispiel: dieses SWB-Sommerfestival am Restaurant in der Rheinaue, wo es acht Wochen jeden Tag Livemusik umsonst gibt. Man kann sich ein Bier kaufen und Livemusik schauen – das gibt es seit 30 Jahren, ab nächstem Jahr auch nicht mehr. Das sind Instanzen, die man einfach wegfegt. Bei Mr. Music ist es eh nicht gut gelaufen. Den hätte man vielleicht eine günstige Liegenschaft anbieten können, und dann würde es diese kulturelle Instanz geben – es geht nicht nur um Schallplatten und Musik-CDs, er war ja auch Kurator, hat Sachen organisiert, hat Bands aus den USA und vielen anderen Ländern nach Bonn geholt.

Gunnar [28:09]: Diese Instanz ist einfach weggeblasen. Er macht jetzt noch ein Konzert pro Jahr in der Harmonie, und dann war es das. Wir verspielen hier eine ganze Menge kulturelles Kapital, würde ich sagen.

Gunnar [28:34]: Warum läuft die Kommunikation da nicht so gut? Sind die im Kulturausschuss nicht ausgerichtet? Bei den Dezernenten sind die Sensoren nicht ausgefahren? Ich sehe eine gewisse Ignoranz.

Michael [28:51]: Ich bin jetzt kein ausgewiesener Kulturpolitiker, sage ich mal. Aber ich sehe auf der einen Seite Bemühungen – am Beispiel der Oper gibt es deutlich viele Gespräche auch mit der freien Szene in diesem Kontext. Und ausdrücklich ist der Titel „Zukunft Bonner Bühnen“ ja auch nicht nur auf Oper und Schauspiel gemeint, sondern durchaus auch auf die Freien, die man im Blick hat. Dennoch hat man dafür noch keine Antworten. Wie das darüber hinaus aussieht, ist manchmal ein Wechselspiel. Das soll aber das, was du gesagt hast, nicht schmälern. Das ist erst einmal so eine abstrakte Überlegung. Weil wenn ich – ich mache mal den kleinen Schlenker von der Stadtentwicklung und versuche dann den Transfer:

Michael [29:46]: In der Stadtentwicklung höre ich oft die Kritik: Hier müsste man mal, und da müsste mal der OB oder die OB damals oder irgendwie. Und dann frage ich: Hast du denn das schon mal angerufen? – Nö, da erreiche ich ja eh keinen. Meine Erfahrung ist: Wenn ich ein konkretes Anliegen habe und nicht völlig wie die Wutz da reinschreie, sondern sage: Ihr habt das verstanden, ihr macht das so – wie wäre es, wenn ihr den Aspekt berücksichtigt, oder warum berücksichtigt ihr den nicht?, dann kriege ich in der Regel eine sehr gute Antwort. Es wird nicht immer aufgegriffen, völlig klar, weil in dieser Stadt 340.000 Leute leben. Warum sollten die meinen einzelnen Blick aufnehmen? Aber ich erlebe in diesem Feld den Eindruck, dass auch von der Stadtgesellschaft der Wunsch nach Kommunikation oft nicht so ausgeprägt ist, sondern eher der Wunsch nach Konfrontation. Das ist ein Wechselspiel. Ich weiß auch nicht, ob die Lösung ist, dass wir jetzt alle anfangen, Briefe zu schreiben. Aber ich glaube, dass man –

Michael [30:58]: Ein Kollege, der Bürgerbeteiligung macht, sagte mal: Es gibt oft einen großen Misstrauensvorschuss. Und ich glaube, da kann man auch als Verwaltung nur bedingt dagegen anarbeiten. Man kann es machen, aber es ist immer eine Entscheidung jedes Einzelnen: Gehe ich in so ein Gespräch vertrauensvoll rein oder gleich mit dem Blick: Das wird eh nichts, die wollen mich nicht, die interessieren sich nicht für mich. Das hatte ich auch mal beim Kulturpunkt. Da sagte ein Kleinunternehmer: Die interessieren sich eh nicht für mich. Und ich dachte: Zumindest den Versuch könntest du machen und sagen: Ihr trefft mich mit der Veranstaltung nicht, ich habe ganz andere Interessen – könnt ihr da nicht mal was machen? Und im Zweifel sagt dann die Wirtschaftsförderung – Frau Apfelbeick –: Entweder wir haben schon was dafür, oder wir machen was. Vielleicht sagt sie auch: Interessiert mich nicht. Aber meine Wahrnehmung von den Protagonisten, mit denen ich zu tun habe, ist oft: Die sind eigentlich sehr engagiert und machen einen guten Job. Natürlich sehen sie manche Sachen nicht – völlig klar.

Michael [32:21]: Aber ich glaube, dass die Stadtgesellschaft ein bisschen mehr den Arsch hochkriegen muss und nicht nur im Sinne von: Es muss genau so sein, sondern in diesem Dialogischen, im Offenen auch zuzuhören. Das soll die Verwaltung nicht entlasten – die muss das auch tun. Das müssen beide, glaube ich. Das will ich damit sagen.

Gunnar [32:48]: Das ist übrigens auch ein Aufruf der Betreiber der Beethoven-Halle. Da geht auch eine Menge schief, dass der Hinweis an die Karnevalsvereine und an viele andere Akteure geht, stärker mit den Betreibern der Beethoven-Halle zu sprechen. Da gibt es auch einen Aufruf. Ich habe auch ein Interview mit Birkner gemacht, das demnächst als Büchlein über die Zukunft der Beethoven-Halle erscheint. Da sind wir alle gefordert, Ideen zu entwickeln, wie man das zu einer kulturellen Instanz in Bonn weiterentwickeln kann. Da kommt dann manchmal von der Stadtgesellschaft zu wenig.

Michael [33:28]: Das finde ich ganz klar. Manche Sachen sind natürlich auch so, dass man verärgert ist, weil die eigene Position nicht umgesetzt wurde, und dann zieht man sich zurück. Und dann komme ich wieder auf das von dir vorhin beschriebene Verhalten des Kleinkindes. Es ist eine komplexe Situation. Wenn ich total nachvollziehbare Eigeninteressen mitkriege – die absolut legitim sind, das ist nicht der Punkt –, die muss man schon formulieren. Aber man muss auch wissen: Ich bin einer, und in Bonn sind es 340.000. Der Bürgermeister oder die Verwaltung ist nicht dafür da, mein Einzelinteresse durchzusetzen, sondern sie hat abzuwägen zwischen privaten und öffentlichen Interessen. Und das ist in all diesen Feldern der Fall.

Gunnar [34:28]: Wir unterhalten uns jetzt noch ein bisschen über Suffizienz, und dann musst du am Schluss noch mal ein paar Vorschläge machen, wie wir in den nächsten Jahren in puncto Oper und Co weitermachen sollten. Aber ein Fass möchte ich noch aufmachen. Ich führe Fachgespräche unter anderem mit dem Deutschen Institut für Normung (DIN) und dem Wuppertal-Institut. Da geht es auch sehr stark um Suffizienz. Im Gebäudebereich bei Bauvorhaben liegt die Kreislaufwirtschaftsquote irgendwo bei mageren 4 Prozent. Insgesamt liegt die Kreislaufwirtschaftsquote bei unter 14 Prozent. Bei Joghurtbechern ist alles prima: Da haben wir 80 Prozent Erfassung, über 60 Prozent werden recycelt. Zu welchen sinnvollen oder sinnlosen Produkten das führt, lassen wir beiseite. Aber wenn man sich die Stoffströme anschaut, ist das der geringste Bereich, den wir in Deutschland haben. Macht euch weniger Sorgen um die Milchdöschen, macht euch mehr Sorgen um Gebäude und so weiter.

Gunnar [35:30]: Und da sagt dann direkt die Vertreterin des Normungsbereichs: Es gibt eine Roadmap Kreislaufwirtschaft. Bei Gebäuden müssen wir bei Suffizienz erst mal unsere Hausaufgaben machen – punkto Versicherungsfähigkeit, punkto Vermarktungsfähigkeit von Rezyklaten, Rückversicherung, Garantien, die ein Bauherr bekommt, wenn er ein Gebäude mit Altbestand macht, graue Energie und so weiter. Es gibt sehr viele Haftungsfragen, die nicht gelöst sind. Wäre es vielleicht auch mal eine Angelegenheit, dass wir das größere Fass aufmachen, wenn wir über graue Energie und Suffizienz reden? Dann müssen die Rahmenbedingungen auch verbessert werden, damit überhaupt mit Altbestand zukunftsfähig gebaut werden kann.

Michael [36:26]: Das würde ich voll unterschreiben, wie du das schilderst. Das ist eines der größten Probleme. Es gibt kleinere Ansätze zur Erfassung der ganzen Materialien und so weiter, verschiedenster Art.

Michael [36:43]: Mir ist das jetzt noch einmal klar geworden: Wir haben vor anderthalb Jahren unser eigenes Einfamilienhaus gedämmt, und für uns war klar: Das soll möglichst ökologisch sein. Wenn man dann genau hinschaut, stellt man an der ein oder anderen Stelle fest: Dieses Material enthält dann doch nicht nur Holzfasern, sondern auch noch 5 Prozent Polyurethan oder so. Aber vom Grundsatz her: Hier gibt es eine Lärchenfassade, die kann man im Zweifel abschrauben und woanders wieder anschrauben. Es gibt Teile, da geht das. Was ich auch aus dem Forum Stadtbaukultur weiß – beim Bund Deutscher Baumeister (BDB) –, da gibt es Akteure, die zum Beispiel Strohballenbau stark unterstützen würden. Und ganz lange waren das Einzelzulassungen, die man kriegen musste. Das ist für Bauherren eine Katastrophe und für Architekten auch. Das macht alles unendlich viel komplizierter. Da bin ich völlig bei dir: Da gibt es ganz viele Dinge, die man nicht sieht. Es muss ganz viel Arbeit im Hintergrund geleistet werden. Damit kann man sich nicht brüsten. Man kann nicht sagen: Oh, wir haben heute wieder 24 Unterkapitel geklärt. Dafür wird keiner gewählt. Das ist, glaube ich, das Problem.

Michael [38:06]: Die Haltung, die man aber haben muss, ist, das voranzutreiben. Ich habe letztens einen Vortrag von Michael Braungart gehört, Cradle to Cradle, der dieses Prinzip voranbringen will.

Gunnar [38:21]: Seit Jahrzehnten.

Michael [38:23]: Seit Jahrzehnten, ja klar. Ich glaube, es war seine Abschiedsvorlesung an der Uni. Und der ist dann schon sehr rigoros. Der sagt zum Beispiel – was ich bisher immer ganz schick fand – dieses Recht auf Reparatur: Alles Schwachsinn, sagt er. Ich will nicht reparieren, ich will das nutzen. Und das soll so hergestellt sein, dass es nachher vollständig wiedergenutzt werden kann. Da will ich nichts reparieren. Der Hersteller soll mir gegenüber gefälligst das sicherstellen. Als Zielrichtung finde ich das genau die richtige Haltung. Aber es hat eben ganz, ganz viele Voraussetzungen, weil unsere Gesellschaft so komplex ist, wie sie ist. Es ist nicht einfach so, dass ich jetzt ein möglichst ökologisches Haus baue. Es sollte nicht abbrennen, die Stadt sollte es bescheinigen, das Ordnungsamt sollte es prüfen und so weiter. Dann muss das alles klappen, und da hat man diese ganzen Ketten drin. Und das ist ja auch was, wenn man immer über Entbürokratisierung spricht: Das ist das genaue Gegenteil. Das kleinteilige Klären all dieser Dinge – wenn man das gut macht, hat man nachher eine gut funktionierende Bürokratie, die nicht immer alle Leute stört, wo ich dann weiß: Wenn ich mit diesen Strohballen baue, sind die zertifiziert, die sind zugelassen, das kann ich so und so machen. Dann fällt es mir und allen in der Kette wieder leicht, damit zu agieren. Aber diese Arbeit muss gemacht werden. Wenn ich das nicht tue, habe ich fürchterlich viel Arbeit und dann das Gefühl: Es ist alles Bürokratie.

Gunnar [40:06]: Deswegen vielleicht auch der kleine Hinweis an OB Döring: Wenn er dieses Fass Suffizienz aufmacht, sollte er sofort eine Allianz herstellen mit dem Wuppertal-Institut, mit Professor Henning Wilts und mit dem DIN – bei Alexandra Engels, die dafür zuständig ist und die genau das mit der Roadmap vorantreiben will, auch im Baubereich. Da kann man ein schönes Allianz-Thema machen. Bonn kann das nicht allein regeln, da braucht man Verbündete.

Michael [40:39]: D’accord. Genau.

Gunnar [40:43]: Und zum Schluss musst du natürlich jetzt einen konstruktiven Vorschlag machen, wie es in den nächsten Jahren weitergehen kann. Was wäre dein Vorschlag an OB, an Entscheider, an den Kulturausschuss? Was sollten wir in den nächsten Jahren machen?

Michael [41:05]: Ich würde stark auf den Prozess abheben. Mir ist wirklich fast egal – um in dieser Variantendiskussion zu bleiben –, welche Variante nachher umgesetzt wird. Mir ist wichtig, dass wir als Stadtgesellschaft und der die Stadtgesellschaft vertretende Rat eine informierte und gute Entscheidung treffen, und zwar ausgewogen. Das wäre mir das Wichtigste: dass wir ein Gespräch in der Stadtgesellschaft hinbekommen. Am Beispiel der Oper zu sagen: Was ist für wen wichtig? Und wie wichtig ist die überhaupt für uns? Auch diese Frage, glaube ich, kommt man in der jetzigen Situation nicht umhin zu stellen. Weil natürlich gibt es eine Oper in Köln. Köln ist von Bonn im Moment nicht immer gut erreichbar, aber grundsätzlich erreichbar.

Michael [42:05]: Auch diese Frage muss man stellen. Das ist gar nicht meine Präferenz, darum geht es nicht. Aber ich glaube, das muss man machen. Und darum würde ich auch sagen: Wir brauchen im Moment sowohl über dieses Thema wie über das Thema der Bäder wie über die gesamte Haushaltsdiskussion eine Diskussion in der Stadtgesellschaft. Was ich vorhin gesagt habe: Das muss einerseits aus der Stadtgesellschaft selbst kommen – man muss es machen und einfordern. Es muss aber auch vonseiten der Politik und der Verwaltung kommen. Ich habe nicht ganz verstanden, warum der Kämmerer und der OB das alles im stillen Kämmerlein machen. Man kann die Bürgerinnen und Bürger auch mal fragen: Was ist euch wichtig? Worauf könnt ihr im Zweifel verzichten?

Gunnar [42:54]: Bis hin zum Thema Crowdfunding. Das ist ja in der Diskussion auch noch einmal aufgetaucht. Es gibt viele Beispiele in anderen Städten und Ländern, wo die Stadtgesellschaft sich aufmacht und einen Teil selbst finanziert.

Michael [43:09]: Den Begriff finde ich immer ein bisschen schwierig. Wenn ich meine Finanzverhältnisse angucke, bin ich nicht der, der jetzt 10 Millionen zur Oper dazugibt. Darum ist der Begriff einen Tick irreführend, weil in den Dimensionen, über die wir sprechen, geht es um Sponsoren – also Leute, die über viel Geld verfügen, aus Privatmitteln oder aus Unternehmensmitteln.

Gunnar [43:35]: Also reden wir vom Mäzenatentum.

Michael [43:37]: Genau. Das gibt es in anderen Ländern viel mehr, und das ist hier in Deutschland nicht so beliebt. Das hat vielleicht Gründe, die lasse ich dahingestellt. Man muss auch gucken: Es ist nicht nur so, dass man das Geld kriegt. Wenn Menschen viel Geld für etwas geben, haben sie auch Vorstellungen, wie das sein soll. Das ist sehr nachvollziehbar – aber das beißt sich dann wieder mit all den Leuten, die immer wissen, wie alles besser wäre und wie es nicht sein kann. Ich glaube, im Wesentlichen geht es um das Gespräch mit verschiedenen Gruppen: Wie kommen wir aus dieser Misere wieder heraus, ohne im Wesentlichen danach zu suchen, in welcher Stadtregierung es begonnen hat und welcher OB wofür schuld ist. Kann man auch machen, aber das finde ich nicht den entscheidenden Punkt. Die entscheidende Frage ist: Wie kommen wir aus dem offensichtlichen Schlamassel, in dem wir sind, uns gemeinsam daraus befreien? Das kann auch Forderungen an Berlin enthalten, die Kommunen stärker zu entlasten. Oder an Düsseldorf. Aber es muss sicher auch etwas enthalten, das mehr in die Richtung geht: Was brauchen wir eigentlich? Das wird man ja mit Suffizienz übersetzen. Was ist das, was wir brauchen, und nicht das, was wir uns alles als ideale Situation vorstellen könnten.

Gunnar [45:27]: Wann gibt es die nächsten Veranstaltungen? Liegt da schon was vor? Ist was geplant?

Michael [45:31]: Wir überlegen gerade, welche Formate wir wählen. Wir wollen auf jeden Fall weitermachen zur Oper, vielleicht auch zu den Schwimmbädern – das müssen wir noch mal gucken. Wir werden das auf den Webseiten von BDA und Forum Stadtbaukultur veröffentlichen, da kann man auch Newsletter abonnieren, um auf dem Laufenden zu bleiben. Eine kleinere Veranstaltung planen wir nach den Ferien, das ist aber noch nicht ganz fix. Es ist ein Format – weiß nicht, ob du das kennst: „Sprechen und Zuhören“ von Mehr Demokratie, so ein Austauschformat. Das ist nicht so zielgerichtet im Sinne von: Da soll es hingehen. Sondern mal gucken: Miteinander ins Gespräch kommen. Das ist ein kleines Mosaiksteinchen vielleicht in diesem Ganzen. Das wollen wir noch mal zur Oper machen mit dem Forum Stadtbaukultur.

Gunnar [46:20]: Also sich eintragen in den Newsletter, dann weiß man Bescheid. Natürlich auch selbst aktiv werden oder vielleicht mal die eine oder andere Ratssitzung anschauen. Das Ganze wird ja auch live auf YouTube übertragen, und die ganzen Aufzeichnungen liegen vor, die kann man dann noch mal analysieren. Man kann daraus übrigens auch eine PDF ziehen und dann in der PDF nach bestimmten Stichworten suchen. Da gibt es schon Methoden, wie man recherchieren kann. Natürlich muss die Stadt selbst auch in ihren Websites ein bisschen klarer und verständlicher werden und vielleicht auch offensiver ein PDF-Dokument zum Download präsentieren, statt dass man in den Unterseiten raten muss, wo man jetzt das Gutachten findet. Da ist eine Menge zu machen, aber da bleiben wir ja dran.

* Audiospur mit OpenWhisper in auphonic.com transkribiert und mit Hilfe von aim2balance.ai – einer DSGVO-konformen Open-Weight-KI des Bergwaldprojekt e.V. – auf lesbare Schriftsprache umgewandelt

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Der Autor: Michael Lobeck
Ich moderiere Veranstaltungen und berate öffentliche und private Akteure zu guter Kommunikation in der Stadtentwicklung. Ich halte auch Vorträge zu Sinn und Unsinn von Smart Cities und schreibe Bücher zu dem Thema. Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, was ich für Sie tun kann, melden Sie sich gerne bei mir.

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