KI und Kommunalverwaltung? Ja und Nein und bitte erst die Ziele klären


Ich bin hin- und hergerissen zwischen den Optionen, die sogenannte „Künstliche Intelligenz“ bietet, und den sichtbaren und unsichtbaren Gefahren, die mit ihrem Einsatz auch in der Kommunalverwaltung verbunden sind.

Foto: kiddopedia, pixabay, bearbeitet Michael Lobeck

Angeregt von einem Artikel beschäftige ich mich seit ein paar Wochen intensiver mit der Frage ob und wie KI eine sinnvolle Option für Kommunalverwaltungen sein kann. Fazit: Ja und Nein – aber wie immer bei der Digitalisierung erst die Ziele klären.


Matt Shumer – Something Big is happening

Grafik: sujins, pixabay – So gefährlich kann KI werden, meint Matt Shumer

Vor ungefähr einem Monat fiel mir ein Artikel von Matt Shumer in einem Post auf Mastodon (der freien Twitter-Alternative) auf, der große Fortschritte bei KI-Modellen sah und prophezeite, dass in ein bis drei Jahren viele klassische Bürotätigkeiten vollständig durch KI erledigt werden könnten. Wer sich jetzt nicht damit auseinandersetze, würde den wirtschaftlichen Anschluss verpassen.

Jetzt gab es schon so einige Prophezeiungen zur Leistungsfähigkeit von KI-Modellen und ebenso viele Relativierungen. Mich hat der Artikel dennoch angeregt, mehr zu dem Thema zu lesen und das ein oder andere Webinar zu besuchen.

Es gibt inzwischen auch zahlreiche kritische Kommentare zu dem Artikel von Shumer. Er bewerte die Leistung der Modelle in der Praxis über und eine Übertragung in Produktivsysteme von Unternehmen sei aus unterschiedlichen Gründen nicht so einfach möglich, so die wesentlichen Kritikpunkte.


Rainer Mühlhoff – Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus

Anregend finde ich die sehr kritische Einordnung von Prof. Rainer Mühlhoff, der an der Universität Osnabrück zu Ethik und kritischen Theorien der künstlichen Intelligenz forscht. Sein Buch „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“ bezieht sich nicht nur auf die US-amerikanischen Milliardäre, die einen Großteil der KI-Infrastruktur kontrollieren und zum Teil mindestens sehr autoritäre und, wie Mühlhoff meint, durchaus faschistische Vorstellungen hegen. Er zeigt auf, dass einige Eigenschaften von KI grundsätzlich schlecht zu demokratisch verfassten Rechtsstaaten passen, wie wir sie kennen. (Mühlhoff, Rainer. 2025. Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam. Für 8 Euro in jedem lokalen Buchladen.)

Foto: iStock.com/mediaphotos

Wenn wir beispielsweise einen Antrag an eine Behörde stellen, sind wir gewohnt, dass deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine an Regeln orientierte Prüfung unseres Einzelfalls vornehmen und eine begründete Entscheidung fällen. Die Regeln sind im Grundsatz von gewählten Parlamenten demokratisch beschlossen worden. Dies mag uns manchmal zu langsam geschehen und das Ergebnis mag uns manchmal nicht gefallen, aber wir sind in der Regel in der Lage, den Entscheidungsweg nachzuvollziehen und können gegebenenfalls gerichtlich dagegen vorgehen.

Beim Einsatz von KI in öffentlichen Verwaltungen würde diese regelbasierte Einzelfallprüfung schnell durch eine Logik der Effizienzsteigerung von Antragsbearbeitungen generell ersetzt, so Mühlhoff. Am fiktiven Beispiel von Anträgen an die Arbeitsagentur zeigt er auf, dass eine KI-basierte Entscheidung leichter darauf auszurichten ist, den Effekt für die Behörde zu optimieren, als eine fakten- und regelbasierte Entscheidung im Einzelfall zu treffen.

Nun gibt es auch bei nicht-KI-unterstützten Entscheidungen das Spannungsfeld zwischen angemessenem Aufwand für eine regelkonforme Einzelfallentscheidung und dem zur Verfügung stehenden Zeitbudget. Die einem Einsatz von KI zugrunde liegende Logik gibt dem Effizienzgedanken und der Skalierbarkeit allerdings mehr Gewicht, als der Korrektheit der Einzelfallentscheidung.

Grafik: mohamed_hassan, pixabay.

Mühlhoff betont zudem, dass insbesondere vulnerable Gruppen, also Menschen, die verletzlicher sind als andere, weil sie beispielsweise über weniger Ressourcen verfügen oder einer wenig respektierten Minderheit angehören, besonders unter Entscheidungen auf der Basis von KI-Software leiden. Die Argumentation ist folgende: Die Software hat weniger Trainingsdaten über marginalisierte Gruppen und trifft daher schlechtere Entscheidungen. Die Betroffenen haben weniger Ressourcen und können sich gegen schlechte Entscheidungen weniger wehren. Die KI erhält dadurch weniger Rückmeldungen, die sie zur Korrektur von schlechten Entscheidungen nutzen könnte. Und so weiter.


Beeindruckende Leistungen – Beispiel Anthropic

Auf der anderen Seite gibt es beeindruckende Leistungen dieser Software, die durch enorme Datenmengen trainiert wurde und auf der Basis von Wahrscheinlichkeitserwägungen Antworten zu gestellten Fragen formuliert.

Ich nutze aktuell eine Pro-Lizenz von Anthropic für 20 $ im Monat und probiere aus, was Claude, so heißt das Modell, kann. Und ich bin beeindruckt. Die Aussage von Matt Shumer, dass es beeindruckende Entwicklungsschritte gibt, kann ich nachvollziehen. Vorher hatte ich ab und zu ChatGPT von OpenAI und LeChat von Mistral jeweils in der kostenlosen Version ausprobiert und bei beiden hatte ich oft das Gefühl „ganz nett, aber leicht daneben“. Mistral ist ein französisches Unternehmen und einer der wenigen Anbieter, der sich um Datenschutz kümmert und die DSGVO einhält.

Foto: Franz26, pixabay

Von der Auswertung von ca. 350 technischen Datensätzen mit der täglichen Leistung eines Balkonkraftwerks in 10 Minuten, was mich ein paar Tage gekostet hätte, über das Lesen und Zusammenfassen von über 300 Newslettern zum Thema Stadtentwicklung aus zwei Jahren (5 Minuten) bis hin zur Recherche von frei verfügbaren Webseiten zum Thema Wirtschaftsethik mit Zusammenfassungen der Inhalte (2 Minuten) – ich bin beeindruckt. Vor allem, weil meine stichprobenartigen Kontrollen keinerlei Fehler zeigen.

Es gibt auch Ergebnisse, die Fehlermeldungen liefern – zum Beispiel die Erstellung eines Skripts in der Programmiersprache Python,das mir erleichtern soll, die Mail, die ich automatisiert mit der täglichen Leistung meines Balkonkraftwerks erhalte, in eine übersichtliche Tabelle zu integrieren. Hier führte dann eine Rückmeldung des Fehlers zu einer korrigierten Antwort, die funktionierte.

Bei der Beseitigung eines Hardware-Problems konnte mir die KI bisher nicht helfen. Seit der Installation von Linux auf meinem 15 Jahre alten HP Laptop wird ab und zu der Bildschirm schwarz. Mal ein paar Sekunden, wie bei einem Bildschirmschoner, mal eine Minute. Claude formulierte zwar recht selbstbewusst („ein bekannter Fehler von …“) und machte plausibel klingende Vorschläge, die führten aber bisher nicht zu einem positiven Ergebnis.

Fazit

KI und Kommunalverwaltung – Ja und Nein und bitte erst die Ziele klären.

Ja, gerne, bei allen Aufgaben, die unterstützend wirken und Zusammenfassungen oder Auswertungen betreffen. Allerdings immer mit stichprobenartiger Kontrolle der Ergebnisse.

Nein, lieber nicht, bei der Bewertung von Einzelfallanträgen, die auf Einschätzungen beruhen, die persönliche Umstände (Einkommen, Wohnen, Hilfebedarfe, rechtliche Eingriffe, …) betreffen.

Und nie zur stumpfen „Wir müssen effizienter werden“-Umsetzung. Ja, die Kommunalverwaltung muss effizienter werden, allein, weil sie in absehbarer Zukunft deutlich weniger Personal zur Verfügung haben wird. Der Wunsch nach mehr Effizienz beinhaltet aber die Klärung von Zielen und die Optimierung von Prozessen zur Erreichung dieser Ziele und ihrer Wechselwirkungen. Diese Klärung muss – gerne mit Unterstützung von KI – am Anfang eines Prozesses stehen.

Ich schaue mit das Thema weiter an. Hier finden Sie bei Interesse meine aktuelle Sammlung von Literatur. Ich freue mich über Tips für weitere Lektüre.

Ihre Erfahrungen?

Grafik: Alexandra_Koch, pixabay

Mich interessiert, welche Erfahrungen Sie mit der Nutzung von KI gemacht haben. Was funktioniert gut, was nicht so gut? Teilen Sie meine Bedenken, die ich nach der Lektüre des Buches von Mühlhoff habe? Wie können wir KI nutzen, ohne Milliardäre zu unterstützen, die ein zweifelhaftes Verhältnis zu Demokratie und Recht haben?

Ich freue mich über Hinweise an: lobeck@promediare.de

Weitere Artikel zum Thema Verwaltungsmodernisierung gibt es hier.

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Der Autor: Michael Lobeck
Ich moderiere Veranstaltungen und berate öffentliche und private Akteure zu guter Kommunikation in der Stadtentwicklung. Ich halte auch Vorträge zu Sinn und Unsinn von Smart Cities und schreibe Bücher zu dem Thema. Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, was ich für Sie tun kann, melden Sie sich gerne bei mir.

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